Und sonst
Kommentare 10

Now open: das Musikforum Ruhr in Bochum

Musikforum Ruhr Bochum

Mit Pauken und Trompeten!

Heute mal eine etwas andere Homestory. Ich war nicht in einem Privatdomizil zu Besuch, sondern im neuen Zuhause der Bochumer Symphoniker und der Musikschule. Pardon, im Anneliese Brost Musikforum Ruhr, wie der wunderschöne Bau gegenüber des Bermudadreiecks sperrigerweise heißt. Und wisst ihr was? Es ist ein echter Wurf für das gesamte Ruhrgebiet! Elbphilharmonie? Pffft …

Warum ich euch das zeige? Weil es ein ziemlich spektakulärer Neubau ist, von außen wie von innen. Und ich glaube, dass man darin einiges entdecken kann, was auch für die eigenen vier Wände inspirierend ist, zum Beispiel das stringente Farb- und Materialkonzept. Hier geht’s also einzig und allein darum, wie’s drinnen aussieht. Christiane Peters, Pressesprecherin der BoSy, hatte mir netterweise kurzfristig eine kleine Privatführung mit dem Architekten Thorsten Kock ermöglicht. Juchhu, alle Infos also aus erster Hand!

Musikforum Ruhr Bochum

Apropos BoSy, Abkürzungen sind ja im Trend. Bin sehr gespannt, wie das Anneliese Brost Musikforum Ruhr verkürzt wird: ABMFR (total unsexy), BroMu (schon besser) oder MuRu (naja). Ich bin für Mufo, das klingt wie etwas, das man liebhaben könnte. Es hört sich an wie Musik-Ufo, und irgendwie ist es das ja auch. Mufo. Schön.

Musikforum Ruhr

BoSy-Pressesprecherin Christiane Peters, Architekt Thorsten Kock, Architektin Gudrun Keller (v.l.n.r.)

Musikforum Ruhr Bochum

Kaum stehe ich im Foyer, kommen mir unwillkürlich Passagen aus dem Heinzelmännchen-Gedicht in den Sinn: „da kamen die Männlein und schwärmten und klappten und lärmten, und rupften und zupften, und hüpften und trabten, und putzten und schabten …“. Denn an allen Ecken und Kanten wird unter Hochdruck gewerkelt, überall wuseln emsige Arbeiter herum, die Wände streichen, Geländer lackieren, sauber machen, Kabel verlegen, Böden versiegeln, wichtigen Gesichtes irgendwelche Funktionen kontrollieren und hochkonzentriert letzte Hand anlegen. Mittendrin steht (zumindest äußerlich) tiefenentspannt der Herr Architekt, ein sympathischer Blondschopf, der mit einem reizenden schwäbischen Akzent einem Pressevertreter nach dem anderen die wichtigsten Fakten rund ums Musikforum ins Mikro diktiert.

Musikforum Ruhr Bochum

Musikforum Ruhr Bochum
Wir starten unseren Rundgang im Foyer des Musikforums: einer Kirche! Die Marienkirche, die viele Jahre vis à vis vom Intershop vor sich hin alterte und bis zur Renovierung von den Urbanatix-Artisten genutzt wurde, erstrahlt in einem so unglaublich hellen Weiß, dass es mich echt geflasht hat. Allein dieses Raumerlebnis ist einen Besuch im Mufo wert! Sie wirkt von innen viel größer als von außen, weit und lichtdurchflutet an diesem sonnigen Vormittag. Und die Kirche strahlt – auch ohne Altar und Orgel – immer noch dieses Erhabene eines Sakralbaus aus.

Musikforum Ruhr Bochum

Musikforum Ruhr Bochum

Steven Sloane, Dirigent und Intendant, freut sich sichtlich auf „sein“ neues Haus, Pressechefin Christiane Peters auch, ist aber verständlicherweise vom Interviewmarathon etwas erschöpft 😉

Nur ein paar Details erinnern noch an die ursprüngliche Funktion der Kirche. Die bunten Fenster über dem Ex-Altarraum, der nun der Eingangsbereich samt Ticket-Counter ist, stammen aus den 1960er Jahren und haben – wenn ich das mal ganz profan so nennen darf – coole Farben! Sie sind weit und breit die einzigen bunten Akzente in diesem konsequent weiß gestrichenen entweihten Gotteshaus. Nur ganz oben an den Säulen gönnt sich der Minimalismus eine Auszeit – in Form von mit Blattgold überzogenen Verzierungen in Blätterform (an jede Säule übrigens andere, ich konnte jedoch nur Eiche und Efeu zweifelsfrei identifizieren).

Musikforum Ruhr Bochum

Während ich staunend den Raum auf mich wirken lasse, erzählt Thorsten Kock, wieso sein Büro damals, 2012, den Architektenwettbewerb gewonnen hat. Nämlich genau deswegen, weil er die Kirche so gelassen hat, wie sie war, ohne einen Konzertsaal reinzubauen. Stattdessen hat er nicht nur links einen großen Konzertsaal drangebaut, sondern auch rechts einen Multifunktionssaal (auch kein schönes Wort, aber immer noch besser als „Mehrzweckhalle“).

Musikforum Ruhr Bochum

Transparenz nach allen Seiten: Blick vom Multifunktionssaal nach draußen.

Musikforum Ruhr Bochum

Musikforum Ruhr Bochum

Kuckuck: Nix für Höhenängstliche ist dieser Job … (hier seht ihr deutlich das Muster an der Decke und in den Fenstern, weiter unten die Sprossenwand aus dem Konzertsaal)

Zurück in die Kirche. Der Boden ist toll! Ein ganz heller Terrazzo-Boden, der angeblich längst nicht so schmutzempfindlich ist, wie er aussieht. Sehr edel! Kein Wunder, dass Terrazzo-Böden derzeit eine Renaissance erleben. Vom Boden geht der Blick an den Wänden hoch zur Decke. Auf den Fenstern und unter der Decke ist ein asymmetrisches, rautiges Muster, das mich zunächst ein bisschen irritiert hat. Was der Baumeister merkt und erklärt: „Die geometrischen Elemente nehmen die Struktur der Wabendecke und des Bühnenhintergrunds im großen Saal auf.“ Aha! Und damit sind wir schon beim Kern des innenarchitektonischen Konzepts: Immer wieder trifft man beim Gang durch das Mufo auf Elemente, die auf einen anderen Raum verweisen. Es zieht sich als roter Faden durch alle Gebäude, dass die einzelnen Einheiten sowohl eigenständig sind, als auch miteinander verbunden (also alles wie in einer guten Beziehung).

Musikforum Ruhr Bochum

Die Innenausstattung war Teil des kreativen Prozesses und lief parallel zur Planung und zum Bau des Hauses. „Ganz früh war uns schon klar, welches Holz wir verwenden würden: Black Cherry, amerikanisches Kirschbaumholz. Das zieht sich durch alle Räume. Auch die Schichtung im Konzertsaal stand von Anfang an fest, also abwechselnd weiße Wände und Holzvertäfelungen. Das macht die Optik leicht“, erzählt Kock. Stimmt, ist sicher nicht einfach, so einen Riesensaal optisch leicht und luftig erscheinen zu lassen. Und klug, nur auf zwei Farben zu setzen, nämlich eben auf den warmen, rötlichen Holzton auf dem Boden, der Bühne, den Balkonen und der Wandverkleidung, und bei den übrigen Wandabschnitten und den Sitzen auf einen gebrochenen Weißton. Als Hundebesitzerin denke ich bei so hellen Polstern automatisch „Huch! Wie lange bleiben die wohl so?“, aber das Klassikpublikum ist ja sicher reinlich und geht nur mit sauberen Händen (und ohne Hund) ins Konzert.

Musikforum Ruhr Bochum

Diese leichte Abschrägung am Ende des Geländers finde ich trés chic …

Als drittes verbindendes Gestaltungselement hat man sich für Kupfer entschieden. Türklinken, Geländer, Fensterrahmen, Schilder, Wandleuchten – alle in demselben rötlich-warmem Kupferton. Gefällt mir sehr und könnte ich mir auch gut fürs eigene Haus vorstellen.

Musikforum Ruhr Bochum

Es geht ja im Moment durch alle Medien, das Mufo und seine lange Entstehungsgeschichte. Viele Jahre haben der Intendant Steven Sloane, das Orchester, eine Stiftung, ein Förderverein, die Stadt Bochum und über 20.000 Spender sich für den Bau eingesetzt. So, und dieser Satz war jetzt die kürzeste Kurzfassung, die bislang über die Historie des Musikforums geschrieben wurde. Die Long Version mit wirklich interessanten Einblicken, Statements und Geschichten gehört hier ja auch nicht hin, ist aber zum Beispiel auf dieser Website wirklich toll und spannend dokumentiert. Schaut mal rein!

Musikforum Ruhr Bochum

Auf diesen beiden Bildern könnt ihr gut sehen, wie mit den Materialien gespielt wird: dunkler Backstein an der alten Kirche trifft auf hellen Klinker im Neubau. Kupfer an der Lampe und dem Fensterrahmen harmoniert mit den hellen Wänden und dem Fußboden (die ungestrichene Stelle unter der Fensterbank müsst ihr euch einfach wegdenken).

Musikforum Ruhr Bochum

Nun stehen erst einmal bis Sonntag die Eröffnungsfeierlichkeiten an. Mit vielen Konzerten der BoSy und einem bunten Programm am Wochenende (Link). Da werde ich mich auf jeden Fall auch mal unters Volk mischen und freue mich, wenn wir uns dort sehen!

Musikforum Ruhr

10 Kommentare

  1. Pingback: LIVING.RUHR » Blick zurück nach vorn: Best of 2016

  2. Danke für den Einblick. Ich wäre fast letztes Wochenende zur Eröffnung hingefahren, aber dann kam das Leben dazwischen.
    Liebe Grüße aus Sprockhövel,
    Sabine

    • Bettina sagt

      Zum Glück bleibt uns das Mufo ja noch ein bisschen erhalten 😉 Liebe Grüße von Bochum nach Sprockhövel, Bettina

  3. Ingrid Brakelmann sagt

    Hast Du sehr interessant geschildert. Und neulich hat Matthias in seiner Sendung West Art Steven Sloane interviewt. Also ganz familär alles. Weißt Du, dass der Turm der Marienkirche ( und das Lueg Haus) am Ende des Krieges das einzige war, was von Bochum noch erkennbar war?

    • Bettina sagt

      Dann ist’s ja um so besser, dass die Kirche jetzt zu neuen Ehren gekommen ist! Danke für die Info 🙂

    • Hans Hankw sagt

      Naja, da strauch noch der Turm der Christuskirche, sorry 🙂 und die Propsteikirche.

  4. Marie P. sagt

    Jetzt freu ich mich noch mehr, dass ich Karten für das Eröffnungskonzert heute gewonnen habe 🙂

    • Bettina sagt

      Na dann: herzlichen Glückwunsch! Und danke 🙂
      Herzlich, Bettina

  5. Jeanette sagt

    Hey, das ist ja mal ein toller Bericht, ganz anders als die anderen Artikel, die man überall darüber liest. Danke und liebe Grüße, Jeanette

    • Bettina sagt

      Danke, freut mich, dass er dir gefällt 🙂
      Herzlich, Bettina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.