Kreative Köpfe
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#Möbeldesign aus dem Ruhrgebiet No 2: Tischlerei Freiformat

Freiformat

Tischlerei Freiformat in Dortmund
Handwerkskunst im allerbesten Sinne ist das, was Stefan Winnemöller und Jonas Scholz in ihrer Tischlerei Freiformat mitten im Dortmunder Unionviertel produzieren. Ich durfte ihnen letztens über die Schulter und auf die Finger gucken.

Was für ein nettes Viertel, in dem die beiden arbeiten! „Ja, das Unionviertel ist inspirierend. Es kommen viele interessierte Leute an unserem Schaufenster vorbei“, erzählt Stefan. Der Showroom mit der großen Fensterfront zur Straße raus ist aber letztendlich der kleinere Teil der Schreinerei, das Herz – die Werkstatt – liegt über zwei Etagen verteilt im hinteren Teil des Gebäudes und ist ziemlich groß. „Aber manchmal schon zu klein“, lacht Jonas, denn die ganzen Maschinen brauchen viel Platz.

Stefans Meisterstück von weitem ...

Stefans Meisterstück geschlossen …

... und im Detail.

… und offen.

Im Ladenlokal sind die Highlights der Tischlerei ausgestellt, allen voran die Meister- bzw. Gesellenstücke der beiden. Sage und schreibe 140 Arbeitsstunden stecken in Stefans Meisterstück, einem Flurmöbel, das diesen profanen Namen eigentlich gar nicht verdient hat. Es besteht aus mehreren Schubladen bzw. Fächern und hat sogar ein Geheimfach (wo, wird hier natürlich nicht verraten)! Flure sind ja häufig schmal und lang und möbelmäßig eine echte Herausforderung. Dieses Teil kommt recht leicht daher, denn erstens hängt es an der Wand, zweitens ist seitlich eine schräge Nut eingearbeitet und drittens hat es eine Vollkernkunststoffplatte, die sehr dünn ist und trotzdem stabil. Und viel Stauraum ist auch noch drin, ideal also. Und was für ein tolles Blau! Und wer wie ich mit Selbstzusammenschraubmöbeln groß geworden ist, wird seine helle Freude an der Qualität der Hölzer, Oberflächen und Verbindungen haben. Aber die Handwerkskunst erwähnte ich ja bereits in der Einleitung …

Jonas' Gesellenstück von weitem ...

Jonas‘ Gesellenstück von weitem …

... und im Detail.

… und im Detail.

Ebenfalls für den Flur ist das Gesellenstück von Jonas konzipiert. Dezent und vornehm in Anthrazit. Vorne macht es die Welle, im Detail ist es extrem raffiniert und hochwertig gearbeitet. Denn die Schubladen werden nicht nach vorne rausgezogen, sondern klappen auf sanften Druck schräg nach unten heraus (bitte schaut aufs Foto).

Aber die beiden können nicht nur dezent, sondern auch schrill. Das orange, asymmetrische Regalbrett aus Kunststoff ist ein echter Hingucker. Und das leuchtend grüne Nachttischchen auch. „Damit wollen wir eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne schaffen“, erklärt Jonas. Das Gestell ist klassisches Tischlerhandwerk, gekrönt quasi von der farbigen Kunststoffplatte.

Tradition und Moderne

Tradition und Moderne

Apropos Kunststoff, mit diesem Werkstoff arbeiten Stefan und Jonas viel und gerne. Es handelt sich dabei um ein Kunststoff-Stein-Gemisch, das thermisch verformbar ist und mit gängigen Holzverarbeitungsmaschinen behandelt werden kann. Auf diese Weise sind die orangenen Regale entstanden und auch verschiedene Hocker und Tabletts mit Facettierungen an den Seiten. Bei der Verleimung werden die Stoßfugen komplett unsichtbar, so dass die Sachen dann aussehen wie aus einem Guss. Das Verfahren ist recht aufwändig und insofern die Produkte auch nicht wirklich billig zu haben.

Stefan und Jonas sind jetzt schon seit drei Jahren am Start. Ursprünglich kennen sich die beiden aus der Berufsschule, als beide eine Tischlerlehre machten. Danach haben sie sich aus den Augen verloren und sich Jahre später zufällig im Studium an der Akademie für Gestaltung in Münster wiedergetroffen.

Stefan in der Schreinerei

Stefan in der Schreinerei

Wollten sie sich schon immer selbstständig machen? „Das war irgendwie auch Zufall. Zum Ende unseres Studiums ergab sich die Möglichkeit, die Schreinerei und das Ladenlokal aus einer Insolvenz zu übernehmen. So eine Chance kriegt man kein zweites Mal, und da haben wir zugegriffen“, erzählt Stefan. „Puh, das war anfangs schon aufregend“, bekennt Jonas. „Ein Riesenbatzen Schulden, die ganze Verantwortung. Aber jetzt läuft’s.“

Jonas Scholz

Jonas

Das Hauptgeschäft machen die beiden mit klassischen Tischlerarbeiten, schließlich will ein Kredit abgestottert werden. Zunehmend werden auch gestalterische Leistungen nachgefragt, zum Beispiel durch Innenarchitekten, so dass sich das Gewicht von Monat zu Monat mehr in Richtung Gestaltung verschiebt. Wichtig ist Jonas und Stefan, dass die Arbeiten im Dialog mit den Kunden entstehen, also dass deren Wünsche und Ansprüche besprochen werden und die beiden sich dann gemeinsam eine kreative Lösung überlegen und diese umsetzen. Genau, und was dabei rauskommt, nennt man dann Handwerkskunst!

 

Kennt ihr auch kreative Köpfe im Ruhrgebiet, die zum Beispiel Möbel bauen, Vasen töpfern, Stoffe bedrucken oder Häuser und Gärten entwerfen, sprich die irgendwas produzieren oder sich ausdenken, was das häusliche Leben schöner macht? Schickt eine Mail an bettina@living.ruhr und verratet mir eure Lieblingskreativen, ich freu mich auf eure Tipps!

2 Kommentare

  1. Jana Lorenz sagt

    Wirklich tolle Möbel. Eigentlich müssten sich doch diese jungen Designer zentral vermarkten. Warum gibt es eigentlich kein Design-Kaufhaus im Ruhrgebiet, wo diese kreativen Köpfe ihre Sachen ausstellen und verkaufen können? In Kopenhagen gibt es das illums bolighus (http://www.illumsbolighus.com). So ein Konzept könnte ich mir auch gut im Ruhrgebiet vorstellen.

    • Bettina sagt

      Danke für den Hinweis, liebe Jana! So eine Art Mini-Illumsbolighus ist der Heimatdesign-Shop im stilwerk in Dortmund. Dort werden Produkte von verschiedenen heimischen Designern angeboten und dort habe ich auch so manche Entdeckung gemacht. Aber du hast völlig recht, so ein richtiges Designkaufhaus mit regionalen Herstellern wäre natürlich super!

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