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#Möbeldesign aus dem Ruhrgebiet No 3: Markus Stallberg

Waltrop Wohnzimmer

Total vom Hocker

Kennt ihr das, wenn Dinge einen angucken? Also einen so lange und penetrant anstarren, dass man immer wieder hinsehen muss? Habe ich sonst nur mit Schuhen oder Taschen erlebt, normal, aber im Haus von Markus Stallberg ging es mir so mit einem Hocker! Ich war noch nicht ganz im Wohnzimmer, da fiel mein Blick auf ein kleines Hockerchen mit Holzsitzfläche und drei pinken Beinen. In der Stunde drauf hat er – ich schwöre! – immer wieder frech zu mir rübergespinxt.

Doch der Reihe nach. Ich war in Waltrop, das ich zugegebenermaßen bislang nur durch Manufactum kannte. Doch das kleine Städtchen am nördlichen Rand des Ruhrgebiets hat viel mehr zu bieten, zum Beispiel das Haus und die Möbel von Markus Stallberg, die mir bei Heimatdesign aufgefallen waren.

Blick in den Flur

Ist das nicht ein toller alter Kachelofen?

Markus und seine Freundin Anna sind beide echte Waltroper Kinder, die nach dem Abi vor allem eins wollten: weg aus Waltrop und nie wieder zurück. Markus hat eine Schreinerlehre und anschließend in Münster Design studiert, parallel seinen Meister gemacht, Anna hat Zahnmedizin studiert. Dortmund war die Stadt ihrer Wahl, hier wohnten die zwei und hier wollten sie bleiben.

„Meine Möbel sind echte Lebemöbel“

Und dann kam Emma dazu. Und dann entdeckten die beiden auf der Suche nach einer neuen Bleibe dieses Haus. Ausgerechnet in Waltrop! Eine alte Steigerdoppelhaushälfte, die schrecklich aussah, vor allem im Inneren, graue Fliesen, kleine Zimmer und unendlich viele Türen, dunkel, kalt, ungemütlich, zum Wegrennen. Doch Markus erkannte mit seinem geschultem Handwerker- und Designerauge (und offensichtlich viel Fantasie) das Potential und sprang zusammen mit Anna und Anlauf ins kalte Hausrenovierer-Wasser.

Bällchenbad Stallberg

Der Stuhl links ist ein Entwurf von Markus, das Bällchenbad für Emma, das Tischchen rechts vom Sperrmüll gerettet

Und das Ergebnis? Das Gegenteil von dunkel, kalt und ungemütlich, und schon gar nicht zum Wegrennen, eher zum „och ich bleib noch ein Weilchen“ oder sogar zum „das stört euch ja sicher nicht, wenn ich hier einziehe, oder?“. Der ganze Aufwand hat sich voll gelohnt! Türen und ein paar Wände wurden ebenso wie die ollen grauen Fliesen rausgehauen, alle Wände weiß gestrichen und der Boden mit Parkett belegt. Es gibt einen weiten Flur, der in die Küche übergeht, die ins Esszimmer übergeht, das ins Wohnzimmer übergeht, das ins Arbeitszimmer übergeht, das in den Flur übergeht. Und alles hell, warm und gemütlich!

Kommode Konrad

Das ist die Kommode namens Konrad, daneben die praktischen Stapelkisten

Stallberg Hocker Erich

Der Hocker Erich und seine Brüder.

Moment, eigentlich bin ich ja wegen der Möbel von Markus gekommen, aber weil seine Werkstatt in der Garage noch nicht fertig ist, müssen wir wohl oder übel in dem schönen Haus bleiben und das Ganze wird jetzt doch eher eine Heimgeschichte als ein Designerporträt.

„Wir leben hier mit meinen Möbeln, vor allem mit den Prototypen“, erzählt Markus und zeigt in die Runde. Da ein Stuhl, da hinten zwei Couchtische, aber „deren Form ist noch nicht vollendet, das kommt irgendwann“. Der Esstisch ist ebenfalls ein Musterstück, an dem vieles ausprobiert wurde. Er ist unbehandelt, also eigentlich ziemlich empfindlich, und Töchterchen Emma hat sich schon mehrfach drauf verewigt. Markus nimmt’s gelassen: „Meine Möbel sind Lebemöbel, sie sollen auf keinen Fall das Leben hemmen.“ Mit diesem Satz hat er seine Design-Philosophie mal eben locker-flockig auf den Punkt gebracht und mir gefällt sie sehr gut (ausgerechnet in diesem Moment übrigens zwinkerte mir der Hocker mit den pinken Beinen wieder zu). „Die Möbel sollen einen eigenen Charakter bekommen und in die Familie reinwachsen. Deswegen stören uns Emmas Johannisbeerspuren in den Fasern überhaupt nicht“, lacht er.

Die Kleine hat’s echt gut, oder? Platz ohne Ende, Spielzeug in allen Ecken und last but not least ein Bällchenbad, ein eigenes Småland sozusagen, naja, das passt wiederum prima zum Thema „Möbelhaus“.

Stallberg Sofa

Nur das Kissen erinnert noch auf den vorigen Wohnort von Markus und Anna. Das superschöne Foto hinten links hat die Berliner Fotografin Lotte Ostermann gemacht, die aus Waltrop stammt und für die ich hier gerne ein bisschen Reklame mache.

Wohnzimmer Stallberg

Der Tisch Schröder ist der Mittelpunkt des Essbereiches

Wo war ich? Ach so, beim Esstisch. Das Serienmodell trägt den schönen Namen Schröder. Wie es dazu kam? Durch einen Hocker (ja, genau der, der immer rüberschielt) namens Erich. Dieser kam zu seinem Namen durch irgendeine Blödelei, in der ein gewisser Erich Hocker, äh, Honecker eine Rolle spielte. Da lag’s nahe, den Tisch nach einem Herrn Schröder zu benennen, der damals gerade mit einem russischen Energielieferanten ins Geschäft kam. Warum allerdings die Kommode Konrad so heißt, weiß ich nicht, hab ich zu fragen vergessen.

Egal, das Raffinierte an Tisch und Hocker sind jedenfalls ihre Beine. Dass sie so schön schräg abstehen und von oben nach unten dünner werden, sieht man sofort. Aber vor allem verändert sich ihre Form von einem Trapez auf ein Dreieck. Also oben unter der Tisch- bzw. Sitzfläche ist das Bein im Querschnitt ein Trapez, unten ein Dreieck. Wie bist du denn auf die Idee gekommen, Markus? „Mir war es wichtig zu versuchen, das Holz auszureizen. Die Grundidee war, es keilförmig in verschiedene Richtungen laufen zu lassen. Mit dem Hocker ging’s los. Zuerst habe ich eine einfache Strichzeichnung gemacht, sie eine Weile ruhen lassen und irgendwann später dann gebaut. Und das Prinzip dann irgendwann auch bei dem Tisch angewandt.“

Stallberg Buba

Buba <3

Wer jetzt den Eindruck hat, Markus wäre schon ein entspannter Typ, sollte erstmal seinen Hund erleben! Buba, eine uralte Dame mit Tierheimhintergrund, ist unfassbar relaxed und fühlt sich sichtbar wohl im neuen Haus. Und hat sooo weise, lustige Augen und ist sooo freundlich und ich hab sofort mein Herz verloren, als sie schwanzwedelnd auf mich zustakste (gut, dass ich immer Leckerchen in der Tasche habe).

Mist, jetzt bin ich schon wieder abgeschweift. Wo war ich? Ach so, bei der Ideenentwicklung. „Im Gegensatz zu vielen anderen bin ich kein Computerentwerfer. Ich bin so ein manueller Typ und mit Papier und Bleistift einfach schneller“, erzählt er. Und wie kommt er auf die kräftigen Farbtöne? „Jedes Holz, das ich verwende, hat eine Kontrastfarbe, und die soll Signalcharakter haben“, erklärt Markus und zeigt auf einen Stapel Stapelkisten. „Zum Beispiel Eiche mit diesem Orangeton oder Nussbaum mit Violett oder auch Birnbaum mit diesem giftigen Grün. Das sorgt für Spannung.“

Markus Stallberg

(Foto: Sven Neidig)

„Ich möchte nicht, dass Möbel auf dem Sperrmüll landen“

Und wo kann man diese ganzen schönen Sachen kaufen? Zum Beispiel bei Heimatdesign, aber das Meiste geht über seine Website. Seit Markus vor zwei Jahren in Köln auf den Passagen ausgestellt hat, fluppt das Geschäft und es kommen immer wieder Aufträge rein. Doch auf den festen Halbtagsjob als Tischler in Recklinghausen will er noch nicht verzichten, schließlich hat er jetzt Haus und Familie! Und nicht zuletzt gibt der Job ihm die Freiheit, genau die Möbel zu machen, die er will. Denn da hat er seine Prinzipien und gibt zu: „Ich verweigere mich ein bisschen modernen Produktionstechniken und mache eigentlich alles von Hand.“ Das wissen nicht immer alle Kaufinteressenten zu schätzen. Was ihn richtig ein bisschen sauer macht: „Alle wollen ein Iphone 6 und zahlen das ohne mit der Wimper zu zucken, aber bei einem Hocker, der von Hand gefertigt ist, da fangen die Leute an, um 20 Euro zu feilschen, das passt für mich irgendwie nicht zusammen.“

Stallberg Wohnzimmer

Markus Meisterstück: ein Sekretär.

Markus ist einer, der den Wert der Dinge respektiert und es nicht haben kann, wenn Altes einfach weggeschmissen wird (da ist er übrigens einer Meinung mit Annette, deren Appartments in Bochum mit Vintagemöbeln eingerichtet sind und die auch nix wegwirft). „Ich möchte nicht, dass die Möbel auf dem Sperrmüll landen. Sie können ja mal ne Weile im Keller verschwinden, aber dann holt man sie wieder hoch und freut sich dran.“ Dabei schaut er auf ein hübsches 60er-Jahre-Sideboard im Essbereich. „Zwei davon haben wir noch im Keller.“ Der Mix aus Alt und Neu, aus Normal und Design geht auf in diesem schönen Haus.

Stallberg Terrasse

Zwei Schönheiten mit grünen Beinen. (Foto: Sven Neidig)

Zum Abschluss meines Besuches gehen wir noch eben raus auf die Terrasse, wo so eine Art Erich als Beistelltisch in zwei verschiedenen Größen steht, mit grünen Beinen. Auch schön! Die Terrasse ist riesig, überdacht und gewährt den Blick auf ein gigantisches Grundstück mit etwas Baum und ganz viel Rasen. Ein Paradies für Markus, Anna, Emma und Buba. Und das mitten in Waltrop!

PS: Wahrscheinlich ahnt ihr schon, wer auf dem Nachhauseweg auf der Rückbank saß und nun bei uns wohnt? Stimmt, Erich.

PPS: Übrigens: Einige der Fotos (auch das große im Slider) hat Sven Neidig gemacht. Weitere Fotos und den Kontakt zu ihm findet ihr hier.

Stallberg Wohnzimmer

(Foto: Sven Neidig)

4 Kommentare

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    • Bettina sagt

      Danke, liebe Angelika! Ein paar Erichs sind ja noch zu haben, unserer allerdings ist unverkäuflich 😉

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