Kreative Köpfe
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#Möbeldesign aus dem Ruhrgebiet No 4: J.M.R. Katter

Wohnzimmer J.M.R. Katter

Runde Ecken

Wahrscheinlich macht genau das Jiri Massimo Katter so sympathisch: Er ist ein bisschen verrückt, vielleicht sogar süchtig. Nach Leben, nach Ideen und vor allem nach gutem Design. Schon mit 20 hatte der Bochumer mehr auf die Beine gestellt als andere in ihrem ganzen Leben. Heute, mit etwas über 40, ist Jiri eine feste Größe in der Möbel- und Produktdesignszene und kann sich über mangelnden Erfolg nicht beklagen. Tut er auch nicht, im Gegenteil, er freut sich drüber und genießt ihn sichtlich.

Aber sich auf den Lorbeeren auszuruhen, kommt ihm nicht in den Sinn, denn die Ideen purzeln nur so aus ihm heraus und das nächste „big thing“ hat er bestimmt schon in der Pipeline. Ich habe ihn neulich in seiner Wohnung im Ehrenfeld besucht und war echt beeindruckt, sowohl von seinem schönen Zuhause als auch von den Möbeln und Produkten, die er entworfen hat. Und das Beste: Eines davon kenne ich sogar und finde es seit vielen Jahren superschön. Jiri ist tatsächlich der Erfinder der DogBar! Die werden jetzt nur die (hoffentlich vielen) Hundebesitzer unter den Lesern kennen, hier für alle ein Foto der stylishen Näpfe.

J.M.R. Katter DogBar

Jedenfalls ist die DogBar der Bestseller aus Jiris Sortiment und wird seit Jahren weltweit verkauft wie geschnitten Brot. Kein Wunder, denn sie ist nicht nur praktisch, sondern auch schön. „Die DogBar ist wie alle meine Produkte total durchdacht. Die Näpfe schweben, das ist gut für Wohnungen mit Fußbodenheizung, das Ding rutscht nicht, und außerdem ist die halbe Höhe ergonomisch perfekt für Hunde“, fasst Jiri die Vorteile zusammen.

Jiri wusste schon immer, was er wollte. Mit 15 zum Beispiel einen Motorroller (wollten ja viele). Seine Eltern – eher konservativer Natur – waren dagegen (wie die meisten). Hier nun kommt sein zielstrebiger Charakter ins Spiel. Der halbwüchsige Jiri schmollte und haderte nicht (wie alle anderen), sondern machte „den schlimmsten Job der Welt“, nämlich Zeitungen austragen. Und zwar so lange, bis er das Geld für Führerschein und Vespa zusammenhatte.
Doch damit nicht genug! Jiri sammelte Infos über Motorroller, kopierte sie, tackerte sie zusammen und verkaufte das Ganze als Zeitschrift für eine Mark das Stück. Fünf Jahre später hatte das Heft eine Auflage von 50.000 und war total erfolgreich. Irgendwann hatte er keine Lust mehr dazu, verkaufte die Zeitschrift und widmete sich dem nächsten Projekt (ein Verhaltensmuster, das sich fortan durch sein Leben zieht).

J.M.R. Katters sechseckige Küche

Sechseckige Küche Marke Katter-Eigenbau

Es folgten verschiedene Jobs im Medienbereich, und irgendwann später eröffnete Jiri einen Club in Bochum, der es damals schnell zu Kultstatus brachte und sogar von der Vogue gefeatured wurde: das „Zeit und Raum“ (am Kurt-Schumacher-Platz). Dort legte er als DJ auf, und das Einzige, was ihm zum Glück fehlte, war ein cooles, stylishes DJ-Pult. Ihr ahnt sicher schon, was als Nächstes kommt. Genau, Jiri hat kurzerhand selbst eines entworfen, und dreimal dürft ihr raten, ob es ein Erfolg wurde. Ja sicher! „Das schlug ein wie eine Bombe, war ja schließlich das erste Design-DJ-Pult“, freut sich Jiri noch heute. „Sogar Inga Humpe höchstpersönlich hat angerufen und wollte eines.“

J.M.R. Katter: setBase

Must have für DJs: die setBase

Das Pult kam so gut an, dass der Ärger dem Erfolg auf dem Fuß folgte: Billig-Imitate aus Asien – auf den ersten Blick Eins-zu-eins-Kopien, auf den zweiten minderste Qualität für’n Appel und ’n Ei. Auch die DogBar wurde übrigens schon kopiert und für 50 Euro verscherbelt. Auch wenn es einerseits fast schon eine Ehre ist, kopiert zu werden (denn das heißt ja, dass man gut ist), war es doch vor allem ärgerlich und lästig für Jiri.

J.M.R. Katter an seinem Schreibtisch

Das grüne Telefon ist übrigens echt analog. Ohne Display! Entschleunigung à la Katter …

In seiner eigenen Wohnung jedenfalls ist alles original: hier gibt es kein Möbelstück (und ich meine wirklich nix!), das nicht von einem berühmten Designer stammt. Jiri kennt sie alle. Wenn nicht persönlich, dann ihre Namen, ihre Produkte und ihre Werdegänge. Weil ich beim Zuhören echt nicht mehr mitgekommen bin, hat er mir dankenswerterweise am Tag drauf eine Mail geschickt. Hier also das ultimative Namedropping, das bei Designfans kleine, spitze Schreie des Entzückens auslösen dürfte: Ahmet Sisman, Arne Jacobsen, East Eric, Eero Saarinen, George Nelson, Gino Sarfatti, Jasper Morrison, Jens Møller-Jensen, Jörgen Kastholm, Kay Bojesen, Marco Zanuso, Michael Hilgers, Nils Holger Moormann, Olivier Morgue, Poul Henningsen, Preben Fabricius, Ray & Charles Eames, Richard Sapper, Verner Panton. Tja, da seid ihr sprachlos, was? Ich, die diese Namen nur aus den entsprechenden Bildbänden und Zeitschriften kennt, jedenfalls war’s. Doch halt, eines der Designerstücke aus dem Katterschen Haushalt haben wir auch: den Holzdackel von Kay Bojesen, ha, immerhin!

Holzdackel von Kaj Bojesen

Das Regal in Jiris Arbeitszimmer jedenfalls ist ein echter Katter. Die Idee dahinter (außer, dass es cool aussieht natürlich) war, dass man Bücher unterschiedlicher Tiefe draufstellen kann, ohne dass sie vorne überstehen. Ich mache das, was alle machen, die zum ersten Mal vor so einem beBoard stehen: die runden Kanten erstmal anfassen und dran lang streicheln. „Ja, die Leute stehen immer total auf diese Haptik“, lacht Jiri und erklärt, wie das Regal hergestellt wird. Holz ist als dünnes Funier sehr elastisch. In einem Metallblock in der Negativform werden viele Schichten von Funieren, mit Leim dazwischen, immer wieder gebogen. Dann presst ein Block mit der Gegenform mit einer Stärke von rund 30 Tonnen dagegen, und fertig ist die Sache. Eine computergesteuerte Fräse gibt dem Regal zum Schluss die gewünschte Kontur. Skateboards werden übrigens auch so ähnlich hergestellt. Und natürlich die DogBar (die es, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, auch als CatBar gibt) oder das sideBow.

Oder sein neuestes Produkt: die GlassesBar. Selbst Fan von Sonnenbrillen, weiß Jiri, dass die Aufbewahrung der teueren Teile ihre Tücken hat (Brillenetuis und Schubladen mögen zwar zweckmäßig sein, sind aber für Leute mit Brillentick ein No go). Die GlassesBar zeigt stets alle Brillen auf einen Blick und erleichtert die Auswahl des passenden Gestells zum Outfit. Schick, was?

DSCF1309

Wir gehen jetzt aber erstmal eine Etage höher in den Wohnbereich. Hoch über Bochum mit einem tollen Fernblick. Und andersrum kann keiner reingucken in die gute Stube, perfekt! „Du kannst hier in aller Ruhe auf dem Sofa liegen und in den Himmel gucken“, schwärmt Jiri. Auch die Dachterrasse ist ein Knüller. Ist das dieses coole Bangkirai-Holz? „Nein“, antwortet der Designer mit echter Empörung in der Stimme, „natürlich nicht! Das ist überhaupt nicht cool, da werden 150 Jahre alte Bäume niedergemetzelt. Alles Holz für meine Möbel kommt aus korrektem, nachhaltigen Anbau. Und meine Sachen werden nicht in Asien produziert, sondern in Ostwestfalen und der Schweiz.“ Okay, solider geht’s wirklich nicht. Hat natürlich auch seinen Preis. „Klar. Meine Sachen sind im Vergleicht zu IKEA relativ teuer, im Vergleich zu Vitra günstig. Meine Kunden verstehen, dass hier hergestellte Sachen aus nachhaltigem Holz eben teurer sind, und zahlen gerne die höheren Preise.“

Die Wohnung war für ihn ein Glücksfall (erstaunlicherweise ganz simpel über ImmobilienScout!): „Sie war total runtergerockt. Wir haben alles rausgerissen, alles neu gemacht.“ Der große Raum mit viel Luft bis oben in die Dachspitze hat nun wirklich was von einem Wolkenkuckucksheim bzw. einem riesigen Zelt, hier kann man sicher prima abschalten und die Seele baumeln lassen – obwohl ich mir gar nicht vorstellen kann, dass Jiri das will. Und schwups bestätigt er meine Vermutung: „Insgesamt hat die Wohnung ein kommunikatives Konzept. Selbst von der Badewanne aus kann ich mit dem reden, der kocht.“

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In meinem hobbypsychologischen Hirn keimt derweil der Verdacht, dass vielleicht gerade jemand, der so voller Ideen und Fantasie steckt, unbedingt so einen klaren, aufgeräumten Wohnstil braucht …
Nur feinste Design-Klassiker tummeln sich in dem Raum. „Das erste, was ich hatte, waren die Panton-Chairs, das war meine Initialzündung, damit fing alles an.“ Jiri hat sich mehr und mehr in die Materie eingearbeitet, und durch diesen leichten Hang zum Perfektionismus, der ihm eigen ist, kannte er sich bald auf dem Gebiet Möbeldesign sehr gut aus, war in der einschlägigen Szene bestens vernetzt und hatte das ein oder andere Schnäppchen gemacht. Apropos vernetzt, Jiri kennt eigentlich jeden. Wirklich jeden. Er düst permanent durch die Welt, trifft sich mit Designern, Herstellerfirmen und Verkäufern, hat zu allen ein gutes Verhältnis und über alles was zu erzählen.
Als ich nach zwei überaus anregenden Stunden und randvoll mit 1001 Katter-Geschichten seine Wohnung verlasse, bemerkt Jiri nur lapidar: „Ich hab dir längst nicht alles erzählt.“ In diesem Sinne: Ich bin gespannt auf die Fortsetzung 🙂

J.M.R. Katter

 

2 Kommentare

  1. Bettina sagt

    Ahoi Kathrin,
    erstmal danke für das Kompliment 🙂
    Ich weiß nicht, in welchen Läden man die dogBar kaufen kann, aber auf Jiris Website ist ein Online-Shop verlinkt, wo du ihn in verschiedenen Ausführungen bestellen kannst. Guck mal hier: http://katter.de/de/de_produkte_dogBar.html
    Herzlich, Bettina

  2. Kathrin sagt

    Hallo Bettina,
    das ist ja ein super Artikel, danke! Genau so einen Hundenapf wollte ich immer schon haben. Gibt es den in Essen irgendwo zu kaufen?
    LG Kathrin

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