Kreative Köpfe
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#Möbeldesign aus dem Ruhrgebiet No 5: Jan Kath

Jan Kath

Zwei auf einem Teppich

Bloß kein spießiges Leben! Und bitte nicht in Europa, schon gar nicht in Bochum! So ungefähr war die Gemütslage von Jan Kath mit Anfang 20. Heute ist er der Chef des weltweit hipsten Teppichimperiums, führt ein ganz und gar unspießiges Leben, reist permanent um den Globus und hat seine Homebase – bäm! – in Bochum.

Wahrscheinlich gehört eine gewisse Bodenständigkeit dazu, wenn man im Teppichgeschäft Fuß fassen will. Ebenso wie Erfahrung und Kontakte. Und last but not least der Kollege Zufall. Bei Jan Kath kam alles das zusammen. Nach der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im elterlichen Teppichgeschäft und Zivildienst hielt ihn nichts mehr in Bochum. Nix wie weg hier, nach Indien, Thailand, Nepal und Tibet, so richtig hippiemäßig mit Rucksack und wenig Geld. Als Letzteres nach anderthalb Jahren endgültig zur Neige ging, war er gerade in Kathmandu. Das Einzige, was er wusste, war „Ich will hier bleiben“. Doch wovon leben?
Just in diesem Augenblick lief ihm auf offener Straße ein Lieferant, den er aus dem Bochumer Laden seines Vaters kannte, über den Weg, der wiederum nur eines wollte: „Weg aus Nepal.“ Passte prima, und so bekam Jan seinen ersten Job und übernahm Qualitätskontrolle und Ordermanagement für den Teppichhändler. Als dieser eines Tages in Rente ging, bot sich die Gelegenheit, Werkstatt und Mitarbeiter zu übernehmen und selbst ins Teppichgeschäft einzusteigen. Kein leichter Schritt! Machen oder lassen? Abenteuer! Schließlich steckte die gesamte Familie Kath die Köpfe zusammen und entschied: Okay, wir kratzen das Geld zusammen und springen gemeinsam ins kalte Wasser, wird schon schief gehen. Hopp oder top …

Jan Kath

Jan Kath (l.) und Dimo Feldmann

Irgendwann in dieser Zeit lernte Jan – im Techno-Szene-Dunstkreis auf einer Party im Bochumer „Planet“ – Dimo Feldmann kennen, seinerzeit Computerfrickler und Musikentwickler, der sich mit dem Entwerfen von Techno-Party-Flyern über Wasser hielt. Jan suchte gerade jemanden, der sich mit PCs auskannte und seine Kollektion Angaa, die in seinem Kopf schon fertig war, visualisieren könnte. Dimo hat’s gemacht und macht es noch immer!

Jan Kath

I n Jans Büro frage ich die beiden: „Und? Habt ihr immer an den Erfolg geglaubt?“ und bekomme prompt zwei Antworten gleichzeitig: „Ich habe immer dran geglaubt“ (Jan) und „Ich fand Teppiche damals total scheiße. Konnte mir nicht vorstellen, dass es funktioniert“ (Dimo). Genau diese Gegensätzlichkeit, diese Spannung macht wohl ihre unterm Strich gute und verlässliche Zusammenarbeit aus. „Wir wirken auf viele Leute wie ein altes Ehepaar. Wir wissen, wie der andere tickt und was er vermeintlich denkt“, lacht Jan. „Manchmal zicken wir uns halt an“, gesteht Dimo. Aber diese Reibung ist letztendlich Teil des kreativen Prozesses, und wenn so viel Schönes dabei rauskommt, was soll’s … ein Ja-Sager, der alles vom Chef nur widerspruchslos abnickt, hilft eh keinem Unternehmen weiter.

Jan Kath

Teppiche hatten damals die Talsohle ihres Images erreicht“, erzählt Jan. „Wir haben es geschafft, das Ruder für die gesamt Teppichindustrie rumzureißen und einen Markt zu schaffen, den es damals nicht gab.“ Stimmt, kein halbwegs moderner Mensch hatte zu der Zeit einen Teppich in der Wohnung liegen. Hip waren Holzböden und glatte Oberflächen (außer bei ein paar Ökos, die Flickenteppiche unterm WG-Esstisch hatten). Wieso war das plötzlich anders? Ich glaube: Zum einen war einfach die Zeit mal wieder reif (also im üblichen In-Out-In-Out-Rhythmus waren Teppiche wieder an der Reihe), aber vor allem hat Jan Kath den Muff aus den Orientteppichen geklopft! Ihnen ein frisches Outfit verpasst, und zwar ohne ihre Wurzeln zu verbergen.

Jan Kath

In der Herstellung lief und läuft alles wie seit hunderten von Jahren. Die Wolle bzw. Seide wird gesäubert, bearbeitet und gefärbt, die Teppiche werden auf Knüpfstühlen geknüpft – alles in Handarbeit. Dabei legt Jan Wert darauf, dass die Ausgangsmaterialien eine Eins-a-Qualität haben und die Teppiche unter menschen- und umweltfreundlichen Bedingungen und mit traditionellen Techniken hergestellt werden. Fairtrade ist für den Bochumer nicht irgendein Augenwischer-Schlagwort, sondern ein ernsthaftes Anliegen, wie er glaubwürdig versichert.
Ich kannte seine Teppiche vorher nur vom Sehen, jetzt auch vom Anfassen. Und ganz ehrlich, habe selten sowas Weiches, Zartes und Schönes an der Wange gehabt.

Los ging’s in Bochum-Dahlhausen in einem kleinen Büro und mehreren Garagen (erstaunlich viele Erfolgsstorys beginnen ja in Garagen, z. B. die von Bill Gates, ich werde mir bald mal eine mieten, wer weiß …). Die ersten Jahre waren hart und gar nicht lustig, schließlich hatte die ganze Familie ihr Geld ins Geschäft gesteckt und ein Scheitern wäre schon richtig doof gewesen. Langsam und stetig wuchs das Unternehmen, aber immer überschaubar und gesund. Alles Wissen um Management, Marketing und Co. haben sich Jan und Dimo nach und nach draufgepackt: „Das war learning by doing.“ Heute ist Jan Kath ein weltumspannendes Unternehmen und teilt sich den Markt mit einer Handvoll anderer Teppichdesigner. Keine Zeitung, kein Design-Magazin von Rang, in dem noch kein Bericht über Jan Kath stand, zum Beispiel hier , hier oder hier. Und jetzt in meinem Blog! Bin ganz stolz!

So traditionell die Produktion, so modern ist die Unternehmensführung bei Jan Kath. Muss sie auch sein, denn anders könnte man so eine Firma nicht wuppen. 50 Leute arbeiten im Management, davon 30 in Bochum (die übrigens aus vielen Ländern kommen, z. B. der Mongolei, Belgien, Russland, Griechenland, ja sogar Österreich). Hinzu kommen die Mitarbeiter in den Stores in Berlin, Köln, Hamburg, München, Stuttgart, New York, Miami und Vancouver. Und last but not least an die 2000 Leute, die in der Produktion beschäftigt sind und spinnen, waschen, färben, knüpfen, finishen, spannen, trimmen und sich um die Logistik kümmern.

Jan Kath

Blick ins Stoffmusterlager

Und Jan, was macht der? Er gibt dem Unternehmen ein Gesicht. Klingt läppisch, ist aber richtig viel Arbeit. Der kreative Anteil ist klein, vier bis sechs Wochen im Jahr beschäftigt er sich mit der Entwicklung neuer Kollektionen. Den größten Part nimmt die Kommunikation ein, die Betreuung der Key Account Kunden und das Marketing. Dafür fliegt er fast ständig um den Globus, repräsentiert und versprüht Motivation und gute Stimmung bei Partnern und Mitarbeitern. 2014 war er neun Monate auf Reisen, und in diesem Herbst sieben Wochen am Stück unterwegs (22 Langstreckenflüge inklusive). Als er das erzählt, verkrampfen Dimo und ich gleichzeitig und ich registriere sofort: Guck an, ein Leidensgenosse. Ich steige nämlich für kein Geld der Welt in ein Flugzeug und Dimo auch nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Jan jedenfalls hat dieses Problem nicht, aber das Dauerjetlag und das Leben im Hotel geht ihm schon zunehmend auf die Nerven.
Wie wär’s da mal mit Urlaub? Um Gottes willen, Urlaub? Nö, maximal mal ein paar Tage mit seiner Freundin in Thailand, dann wird’s langweilig. Entspannung? „Freizeit und Hobby sind für mich Unworte. Bei mir gilt: All is one, ich trenne nicht zwischen Arbeit und Freizeit.“ Da jettet er lieber alle paar Wochen zu den Produktionsstätten und Stores und schaut persönlich nach dem Rechten. Das ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern letztendlich seine eigene Handschrift und eben die Firmenkultur von Jan Kath – der persönliche und wertschätzende Umgang mit allen Beteiligten: „Wir haben eine ganz enge, persönliche Bindung zu unseren Partnern.“

Jan KathDimo Feldmann

Dimo bleibt derweil in Bochum und zeichnet verantwortlich für alles, was veröffentlicht wird: Werbung, Website, Kataloge. Und auch für den total schönen Imagefilm, den ihr auf der Unternehmenswebsite anschauen könnt! Auch der Rest der Familie ist eingespannt: Mutter Ruth betreut das Personal (Human Ressources), koordiniert Termine und Finanzen, Bruder David (ein echter Atomphysiker!) kümmert sich um Verwaltung und Finanzen, Vater Martin hat sich mittlerweile aus der Geschäftsführung zurückgezogen.

Apropos Bochum, das ist und bleibt die Heimat von Jan. „Ich bin ein Bochumer Junge, hier wohnt meine Familie, hier sind Dimo und die anderen Mitarbeiter.“ Immer nur in den Metropolen der Welt von Empfang zu Gala zu hüpfen, ist halt sehr anstrengend. In Bochum kommt er runter, nimmt einen Gang raus. „Hier kann es sein, dass ich zwei Wochen meine Wohnung fast nicht verlasse. Dann bin ich froh, dass ich nicht reden muss und kann einfach nur mit meinem Computer auf dem Sofa sitzen.“ Na seht ihr, das Ruhrgebiet ist ein super Ruhegebiet …

 

Jan KathKennt ihr die Kollektion „Spacecrafted“? Das sind Eins-zu-Eins-Satelliten-Weltall-Fotos, die in einer fast schon fotorealistischen Optik mit rund 80 Farben zu einem Teppich geknüpft werden. Extrem aufwändig in der Produktion! So, und jetzt kommt’s: Ratet mal, wer die allerersten beiden Teppiche aus dieser Kollektion gekauft hat. Na? Weltall, da denkt man doch schnell an Star Wars, und im Dezember startet ja wieder eine Episode, und wie heißt nochmal die Schauspielerin, die vor 38 Jahren Prinzessin Lea, die Schwester von Luke Skywalker, gespielt hat und die jetzt wieder mit dabei ist? Ja genau, Carrie Fisher! Und genau die war die erste Kundin im neu eröffneten JK-Store in Vancouver. Da fällt doch irgendwie auch ein bisschen Sternenstaub, äh Glanz, aufs Ruhrgebiet, finde ich …

 

8 Kommentare

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    • Bettina sagt

      Wie schön, dass das Ruhrgebiet auch Fans im Schwabenländle hat – danke, liebe Jeanette und herzliche Grüße aus Bochum, Bettina

  3. Meike Frowein sagt

    Superschöne Teppiche. Ist das Exemplar auf dem Foto deines Heimatdesign-Artikels auch von Kath? Sieht fast so aus.

    • Bettina sagt

      Liebe Meike, ja stimmt, gut beobachtet! Der ist auch sehr toll, finde ich. Liebe Grüße, Bettina

  4. Angelika Dreier sagt

    Wie wunderschön sind denn diese Teppiche? Mir sind die Anzeigen in den großen Wohnzeitschriften schon immer aufgefallen, aber auf Deinen Fotos bekommt man einen viel besseren Eindruck. Würde gerne mit einem der Teppiche davonfliegen…

    • Bettina sagt

      Liebe Angelika,
      ich komme mit 😉 Ja, es war super, die ganzen tollen Teppiche mal in echt zu sehen und auch anzufassen. Ein bisschen 1001-Nachtmäßig war’s jedenfalls. Liebe Grüße, Bettina

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