Kreative Köpfe
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#Möbeldesign aus dem Ruhrgebiet: Freiräume aus Dortmund

Freiräume Dortmund

Keine Atempause

Wie immer zieht’s vorm Dortmunder U wie Hechtsuppe an diesem sonnigen letzten Augustnachmittag. Ich bin mit Laura und Julia verabredet, die Freiräume schaffen und bespielen und deswegen auch ihre frisch gegründete Firma so genannt haben. Die beiden strahlen nur so vor Energie und haben sich viel vorgenommen! Entdeckt habe ich die beiden Jungdesignerinnen bei der „Creative Stage“ im Juli im U.

Dort stellten sie ihr Start-up vor – nur ein paar Tage nach Abschluss ihres Studiums. Andere liegen dann erstmal am Strand … nicht so Laura Popp (29) und Julia Eicker (32), die sich vor gut acht Jahren kennenlernten, als sie beim selben Raumausstatter in Herdecke arbeiteten, die eine als Azubi, die andere als Gesellin. Acht Jahre arbeiteten sie dort zusammen. Irgendwann in dieser Zeit wuchs in ihnen der Wunsch, sich selbstständig zu machen, allerdings nicht ohne vorher in Sachen Produktdesign noch etwas dazu zu lernen.

Freiräume Dortmund

Also ging’s für drei Jahre ab nach Münster an die Akademie für Gestaltung. Laura und Julia erzählen begeistert von der Ausbildung dort, die sich explizit an Handwerksgesellen richtet. Das Studium ist ausgesprochen praxisorientiert, es wird gewerkeübergreifend gearbeitet, und die beiden Freundinnen konnten mit unterschiedlichsten Materialien wie Holz, Metall und Kunststoff experimentieren. Aber den Textilien bleiben sie dabei immer treu. Denn in diesem Bereich kennen sie sich besonders gut aus, wissen um die Eigenschaften verschiedener Stoffe, wie sie sich verhalten und wie sie verarbeitet werden müssen. Kein Wunder also, dass Stoff bei all ihren Entwürfen eine große Rolle spielt. Und damit wären wir dann endlich beim Wesentlichen: ihren tollen Produkten!

Vier davon haben sie mit vors U gebracht und in die Palettenlandschaft (die übrigens eine Idee der Prinzträger-Damen war, die hier schonmal auf living.ruhr vorgestellt wurden) drappiert. Jetzt aber mal brav der Reihe nach:

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1. SCANDOLA: Ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass man einen Stuhl (4 Beine, Sitzfläche, Lehne, fertig) nochmal neu erfinden kann. Hat aber geklappt in diesem Fall. Julia war einst in Oberstdorf (Bayern) im Urlaub und ganz fasziniert von den Schindelhäusern. Die schützende Funktion dieser Schindeln übernimmt bei ihrem Stuhl die Rückenlehne (gut zu sehen auf dem Foto weiter unten mit den Lederbeuteln), während vorne der Wollfilzbezug den Menschen auf dem Stuhl wärmt. Total muckelig und gemütlich! Damit er nicht zu rustikal wurde, montierte sie zarte, mintfarbene Metallbeine drunter – fertig war „Scandola“ (übrigens italienisch für Schindel). Nettes Detail, das auf dem Foto kaum zu sehen ist: Die kleinen „Filzpantöffelchen“.

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2. FLAMINGO: Dieses Sitzmöbel, halb Stuhl, halb Hocker, entstand ebenfalls während des Studiums. Aufgabe war es, ein Produkt entwerfen, das sowohl einfach als auch kostengünstig hergestellt werden konnte. Laura entschied, einen mobilen Stuhl aus nur zwei Komponenten zu entwerfen: ein leichtes Metallgestell und eine gepolsterte Sitzfläche. Die Lehne sollte mehr ein Griff zu Herumtragen werden. Das hellgraue Polster erhielt dekorative Abnähungen. Und irgendwie passte dann Rosa am besten dazu, das wirkte so schön leicht – fertig war „Flamingo“.

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3. LINUM: Dieser Hocker ist bereits im zweiten Semester entstanden, als es um das Thema Konstruktionsprinzipien ging. Julia wollte eine Sitzfläche entwerfen und hat herumexperimentiert. Dieser Sitz besteht außen aus einem ausgefrästen Holzring, der quasi wie ein runder Webrahmen funktioniert und die Sicht auf Schuss- und Kettfaden freigibt. Die Fläche ist ganz elastisch und gibt angenehm nach, wenn man sich draufsetzt. Darunter kamen (und das zieht sich durch die gesamte Kollektion) zarte, pulverbeschichtete Metallbeine – fertig war „Linum“ (übrigens Lateinisch für Schnur).

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4. ALADIN: Dieser Pouf ist ein Gemeinschaftswerk von Laura und Julia und im Rahmen ihrer Abschlussprüfung entstanden. Die beiden wollten an ihr ursprüngliches Gewerk anknüpfen und ließen sich schließlich von Endknöpfen von Gardinenstangen inspirieren. Ihr wisst schon, diese gedrechselten, oft überdimensionierten Pömpel – ich persönlich finde sie scheußlich. Aber den Hocker Aladin liebe ich dafür um so mehr, vielleicht auch, weil er ein bisschen aussieht wie ein Turban, was ihm seinen Namen eingebracht hat. Mit ihm zeigetn die Designerinnen, was sie draufhaben. Sie arbeiteten mit verschiedenen Materialien (Stoffe und Leder), verschiedenen Verfahren (z.B. diese Raffung bei dem silbernen Stoff), Nähten und Absteppungen. Es gibt den Hocker übrigens in drei verschiedenen Ausführungen mit unterschiedlichen Materialien, Farben und Kissengrößen! Die einzelnen Polster werden etagenartig auf einen Holzkern aufgesteckt – fertig ist „Aladin“.

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Auch aus dem Hause Freiräume: Rucksack-Lederbeutel in verschiedenen Farbstellungen

In ihrem Portfolio sind noch einige andere Produkte (Lampe, Untersetzer, Vase, Dose), die alle sehr schön sind, aber der Knaller sind für meinen Geschmack einfach diese Sitzmöbel. Wer jetzt fragt: „Wo kann man all die schönen Sachen denn kaufen?“, dem sei gesagt: „So ungefähr ab Mitte Oktober im Dortmunder Kreuzviertel in der Redenbacher Straße“. Gerade haben die Gestalterinnen einen Mietvertrag für ein kleines Eckladenlokal mit Werkstattfläche dahinter unterschrieben. Vorne werden dann ihre Produkte und welche von Studienfreunden verkauft, hinten wird genäht und gepolstert. Denn zunächst wird der Anteil an Designleistung mit 30 Prozent veranschlagt, der Rest wird mit klassischen Raumausstatterleistungen bestritten. Geht doch nix über ein sicheres Standbein.
Aber ich wette, auch im soliden Handwerk fällt Laura und Julia mehr ein als geraffte Gardinen an Stangen mit gedrechselten Pömpeln. Und ich bin sicher, dass sie ganz viel Erfolg haben werden – den wünsche ich ihnen jedenfalls von Herzen!

Laura Pop Julia Eicker

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