Zu Besuch bei …
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Zu Besuch bei: Gudrun und Marcus

Gudrun und Marcus

Jäger und Sammler

Ein Häuschen im Grünen wäre wohl nichts für Gudrun und Marcus. Das Paar wohnt mitten in der Bochumer Innenstadt und hat extrem kurze Wege zur Arbeit: Gudruns Schmuckladen ist eine Treppe tiefer, Marcus‘ Atelier im Hinterhof. Ich kenne die beiden seit Urzeiten und fühle mich in ihrer wunderbaren Wohnung fast wie zu Hause. Ein Besuch bei Freunden.

„Ich kann mir nicht vorstellen, außerhalb zu wohnen. Ich genieße es, in der Innenstadt zu leben und zu Fuß überall hin zu kommen, zum Einkaufen, ins Kino, ins Theater, ins Café Röstart. Manchmal brauche ich die ganze Woche über das Auto nicht“, schwärmt Marcus. Mit seiner Frau Gudrun wohnt der Künstler seit über 20 Jahren im selben Haus. Allerdings nicht in derselben Wohnung, denn bis vor 10 Jahren wohnten sie eine Etage höher. Hell und großzügig war die obere Wohnung auch, aber was ihr fehlte, war ein akzeptabler „Auslauf“. Und so guckten die beiden jahrein jahraus wehmütig von ihrem kleinen Balkon hinunter auf die Terrasse der Freunde, die ein Stockwerk tiefer wohnten: 80 Quadratmeter – locker groß genug für ein Straßencafé.

Gudrun und Marcus

Wie so häufig im Leben der beiden fügte das Schicksal dann doch irgendwie alles so zusammen, dass es passte. Oder wie Gudrun es formuliert: „Wir haben das einfach ausgesessen.“ Die Freunde unten konnten sich nämlich sehr wohl vorstellen, außerhalb zu wohnen und zogen kurzentschlossen nach Witten aufs Land (was sie, soweit ich weiß, bis heute nicht bereut haben). Gudrun und Marcus fackelten nicht lange, packten die Kisten und zogen ein Stockwerk tiefer in die fast identische Wohnung.
Mittlerweile ist diese Terrazza eine Mischung aus Blumencenter und Wellness-Oase. Im Moment liegt alles noch im Winterschlaf, aber ihr könnt euch schonmal auf das Ruhrgebiets-Terrassen-Balkon-und-Garten-Paradiese-Special freuen, das ich für den Sommer plane, da steht dieses Fleckchen Erde auf meiner Wunschliste ganz weit oben! Doch noch sind alle frostgefährdeten Pflanzen ordentlich verpackt und warten auf wärmere Tage. Also nix wie rein in die Bude und heißen Tee trinken, bevor euch noch beim Lesen kalt wird.

Gudrun und Marcus

Der erste Hingucker im großen Wohn-Ess-Zimmer ist ein ziemlich alter, weiß lackierter Schrank, oben Vitrine, unten Stauraum. „Das ist ein sogenannter Fahnenschrank“, erzählt Gudrun. „Mein Vater und mein Großvater waren im Männergesangsverein der Zeche Holland. Im Gesellschaftszimmer stand dieser selbst zusammengezimmerte Schrank, in Ochsenblutrot gestrichen. In der Vitrine war die kostbar und liebevoll gestaltete Vereinsfahne drapiert, so aus Seide und mit Goldkordel umrandet. Am Barbaratag wurde sie herausgeholt und stolz herumgetragen.“ Als vor über 30 Jahren die Vereinskneipe schloss, staubte Gudrun den Schrank ab, außerdem den Tisch, der heute noch in ihrer Küche steht, und eine Kreidetafel, die jetzt unten im Laden hängt. Womit wir beim wichtigsten Alleinstellungsmerkmal des Paars wären: Beide sammeln, was das Zeug hält. Unter anderem deswegen sind in diesem Haushalt die Details so wichtig und insbesondere deswegen seht ihr hier auch überwiegend Detailfotos und nicht so sehr komplette Raumansichten.

Gudrun und Marcus

Zurück zum Schrank: Er beherbergt eine Gläsersammlung, mit der man locker eine 50-Leute-Party ausstatten könnte. Also zumindest einen Teil der Sammlung, „dreimal so viele sind nochmal im Keller“, wie Gudrun glaubhaft versichert. Gesammelt wird, was gebraucht und schön ist und vor allem eine Geschichte hat. Oder anders formuliert: Es gibt in dieser Wohnung nichts, was keine Geschichte hat!

Gudrun und Marcus

Zum Beispiel das naturbelassene, rustikale Regal mit den dicken Holzbrettern und dem geschmiedeten Gestell. Gudruns Vater war Bergmann und hat es tatsächlich unter Tage gebaut, aus allem Möglichen, was die Zeche so hergab. Bei ihm zu Hause fungierte es als Regal im Kohlenkeller. Dementsprechend sah es auch als, als Gudrun und Marcus es beim Entrümpeln des elterlichen Hauses entdeckten und auf der Stelle wussten, dass es genau das richtige Möbel für diese Wand wäre. Eine zentimeterdicke schwarze Kohlenstaubschicht bedeckte die Holzbretter.
Ein Fall für Marcus! Er hat wie gesagt im Hinterhaus ein sehr schönes, großes Atelier, in dem sich alles befindet, was das Herz eines Handwerkers höher schlagen lässt, wirklich eine komplett eingerichtete Werkstatt. Die dicken Bretter wurden dort entstaubt, gesäubert und geschliffen, bis sie schließlich wohnzimmertauglich waren. Nun steht in Reih und Glied die CD-Sammlung drauf und eine von mehreren Mini-Kommoden, die Gudrun feinsäuberlich mit Marken aus ihrer umfangreichen Briefmarken-Sammlung beklebt hat.

Gudrun und Marcus

Die beiden stehen total auf Erinnerungsstücke. So kommt es nicht von ungefähr, dass Marcus sich auch in seiner Kunst viel mit der Geschichte der Region und mit dem Bewahren von Erinnerungen auseinandersetzt. Schaut mal auf seiner Webseite vorbei, es lohnt sich! „Viele Sachen, die wir haben, waren schon da, und wir haben sie neu definiert.“ Auch Gudrun verarbeitet Fundstücke in ihrem Schmuck, zum Beispiel Zuckertütchen, Briefmarken und Bonbonpapiere. Und eine Website hat sie ebenfalls. SO, DAS WAR DER WERBEBLOCK 🙂

Gudrun und Marcus

Auch der kleine Blumenhocker mit dem grün-blauen Mosaik ist nicht durch Zufall in die Wohnung gekommen. „Meine Mutter hat den als Kind selbst beklebt“, erzählt Gudrun. „Und ich habe als Kind in der Wohnung meiner Oma daran gesessen und gespielt.“

Gudrun und Marcus lieben das Ruhrgebiet und sind hier tief verwurzelt, aber genau so gerne sind sie in der Welt unterwegs, in den letzten Jahren bevorzugt in Frankreich und Portugal. Dass sie sich von dort regelmäßig Erinnerungsstücke mitbringen, wundert jetzt keinen mehr, oder? Das Hotelschild zum Beispiel ist vom Flohmarkt in Uzès in Südfrankreich.

Nicht dass jetzt hier der Eindruck entsteht, die Sammlungen wären beliebig. Sie sind nach Themen geordnet und irgendwann auch abgeschlossen. Wie zum Beispiel die Engel-mit-Herz-Vasen an der Wand. Sie sind alle alt, wohl schon aus den 1920/30er Jahren und haben so ein ganz bestimmtes, schönes Orangerot.

Gudrun und Marcus

Was im Wohnzimmer nicht alt ist, hat Marcus meist selbst gebaut, zum Beispiel eine Holzbank und den Esstisch. Noch faszinierender finde ich seine künstlerischen Arbeiten, insbesondere die Leuchtkästen. Ein ziemlich großer hängt im Wohnzimmer: farbenfroh, irgendwo zwischen gegenständlich und abstrakt, irgendwie floral … „Meine Lieblingsblumen: Gladiolen“, klärt Marcus mich auf. „Ich hab die Blütenblätter vom Stängel gezupft, auf den Leuchttisch gelegt, dort fotografiert und durch eine längere Verschlusszeit in Verbindung mit einer leichten Bewegung eine Unschärfe bewirkt.“ Super, oder? Für den Frühling plant er übrigens eine Atelierausstellung – ich sag euch rechtzeitig Bescheid!

Gudrun und Marcus

Apropos Kunst und Künstler, die beiden haben so viele Bilder, kennen so viele Künstler, wieso ist denn ausgerechnet die Wand überm Sofa leer? „Irgendwie ist es auch schön, eine Wand zu haben, wo nichts ist.“

 

Also schweift der Blick weiter durch den Raum und bleibt unweigerlich an der Lampe überm Esstisch hängen. „Zettels“ heißt sie und ist von dem berühmten Lichtdesigner Ingo Maurer (hier kann man sie bestellen). Gudrun und Marcus haben auch diesem Designteil ihren eigenen, ganz persönlichen und von Erinnerungen geprägten Stempel aufgedrückt. Als ich mir jetzt die Lampe nochmal Gudrun und Marcusgenauer anschaute, wurde mir ganz melancholisch ums Herz, denn einige dieser Erinnerungen sind auch meine. Wir waren vor vielen Jahren ein paar Mal zusammen in einem wunderbaren Hotel am Comer See, das einen Garten direkt am See hatte. Dort haben wir genüsslich gelegen und es uns am späten Nachmittag bei einem Gläschen (okay, es waren mehrere) Weißwein gut gehen lassen.  Wir sind zusammen durch Como spaziert und haben zusammen das nördlichste Olivenöl Italiens gleich kanisterweise eingekauft. Und was hängt an der Lampe? Die handschriftliche Quittung über eine Karaffe Weißwein, ein Tausend-Lire-Schein, ein säuberlich abgetrenntes Olivenöletikett. Schnief, doch, das hat was, sich mit Erinnerungen zu umgeben, man vergisst wirklich nicht so schnell!

Gudrun und Marcus

Wie ihr auf den Bildern oben seht, ist bei Gudrun und Marcus sogar der Flur mit Sammler- und Erinnerungsstücken gefüllt.

Gudrun und Marcus

Gudrun und Marcus schauen mit Liebe auf Details, zum Beispiel auf Verpackungen. „Schließlich ist jede Verpackung ja mal designt worden und eigentlich zu schade zum Wegwerfen“, findet Marcus. Viel schönes Alltagsdesign haben die beiden in Frankreich entdeckt, und das hängt nun gerahmt in der Küche. Solltet ihr jemals das Glück haben, in diese Küche zu kommen, schaut sie euch genau bis ins letzte Eckchen an. Was es da an Dosen, Mokkatässchen, Schälchen, Väschen, Schachteln, Gläsern, Bechern, Zuckerbeutelchen und weiterem Kleinkram gibt, dürfte einzigartig sein. Und das Verrückte ist: Gudrun erinnert sich bei jedem Teil genau daran, wann sie es wo und sogar von wem gekauft hat! Von so einem Gedächtnis kann ich jedenfalls nur träumen …

Gudrun und Marcus

Gudrun und Marcus

Ansonsten ist die Küche von Gudrun und Marcus übrigens ziemlich schick. Vor ein paar Jahren haben sie sie sich von einem Schreiner bauen lassen. Besonders cool finde ich die Arbeitsplatte aus Wenge-Stein. Sieht aus wie Wenge-Holz, ist aber Stein und sieht einfach toll aus, und praktisch, sprich unempfindlich ist sie auch. Alles top-modern und komfortabel, aber: „Wir wollten nicht so eine zugepflasterte Küche haben, deswegen haben wir oben keine Schränke, sondern nur ein offenes Regal. Wir wollten auch keine Dunstabzugshaube, wir machen beim Kochen einfach die Terrassentür auf. Irgendwie sollte das nicht so eine perfekte, spießige Einbauküche werden.“ Versteh ich gut! Wer hier Inspiration sucht, hat vielleicht Spaß an dem Buch „Meine coole Küche“, das ich hier vorgestellt habe.

Gudrun und Marcus

Ihr denkt, jetzt sind wir mit allen Sammlungen durch? Mitnichten! Kommt mit rüber ins Schlafzimmer, dort hängt vis à vis vom Bett eine beachtliche Galerie von kleinformatigen Aquarellen. Lauter Urlaubserinnerungen! Das Ganze begann so um die Jahrtausendwende in Rom. Am Trevibrunnen standen Straßenmaler Spalier und verkauften ihre Bilder an Touristen. Merke: Nicht jeder Straßenmaler ist ein schlechter Maler, da gibt es durchaus qualitative Unterschiede! Aus dem Einzelstück wurde ein typisches Gudrun-und-Marcus-Projekt, und seitdem werden fast aus jedem Urlaub solche kleinen Kunstwerke mitgebracht. Die beiden entdecken sie auf der Straße oder auch in kleinen Galerien. Da sind viele Hafenszenen, Boote, Sehenswürdigkeiten, Fische, Stadtansichten, Menschen am Strand und sogar eine Straßenbahn. Zusammen bilden sie die ganz individuelle und stetig wachsende Erinnerungslandschaft von Gudrun und Marcus. Also ich bin jetzt schon gespannt auf das nächste Objekt ihrer Sammelbegierde 😉

Gudrun und Marcus

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Und? Gefällt euch die Wohnung? Seid ihr auch vom Sammelfieber befallen?

Gudrun und Marcus

13 Kommentare

  1. Pingback: LIVING.RUHR » Blick zurück nach vorn: Best of 2016

  2. Claudia Klostermann sagt

    Wie schön! Was für ein gemütliches Heim.
    Das Stövchen unter der gläsernen Teekanne hat meine Mutter vor ca. 40 Jahren in Oberstdorf zusammen mit der passenden Kanne gekauft. Seit ca. 15 Jahren steht es jetzt in unserem Häuschen in Schweden. Jeden Sommer muss ich es vor meinen Kindern verteidigen, die das Stövchen völlig uncool und verhuscht finden. Ich jedoch hänge sehr daran, weil meine Mutter sich diese „Investition“ gründlich überlegt hat, da sie – im Gegensatz zu mir – nicht schnell mal irgendwas nur für Schön gekauft hat.
    Liebe Grüße Claudia!

    • Bettina sagt

      Boah, gutes Auge, liebe Claudia! Ich finde solche Stövchen total schön. Und ich wette, es dauert nicht mehr lange, bis deine Kinder es auch zu schätzen wissen … Herzliche Grüße und auf hoffentlich bald mal, Bettina

    • Bettina sagt

      Merci, Christine 🙂
      Leider kann ich kein Französisch, sorry! Jedenfalls ist Christine Mirgalet die Künstlerin, die diese tollen Fischbilder malt, die man teilweise oben auf den Bildern sieht. Und wir haben auch eins von ihr über dem Klavier hängen und lieben es sehr. Interessiert? Hier ihre Website: http://www.christinemirgalet.com/
      Herzliche Grüße nach Frankreich, Bettina

  3. Margret und Gerd Liedtke sagt

    Das ist schöner Bericht über das Leben unserer Freunde Gudrun und Marcus. Da wir die Wohnung und die Terrasse kennen, war unser inneres Auge beim Lesen sofort im Bilde.

  4. Sina sagt

    Möbelmesse schön und gut. Individualität und Stil kann man, wie dein Artikel zeigt, nicht kaufen.
    Bin schon gespannt auf den versprochenen Dachgarten.

    • Bettina sagt

      Du triffst den Nagel auf den Kopf! Und der Artikel über die Dachterrasse kommt, versprochen 🙂 Liebe Grüße!

  5. Heiner sagt

    sehr individuell und liebevoll gestaltet! auf jedem Foto gibt es so viel zu entdecken!
    Toll finde ich auch das Fischbild über dem Regal und die Wände die zweigeteilt gestrichen sind mir einer Borte getrennt… Ist sicher auch „handgestempelt“

    • Bettina sagt

      Lieber Heiner, da merkt man sofort, dass du einen Blick fürs Detail hast! Ja klar, die Borte ist mit einer Schablone handgemalt :-), liebe Grüße!

  6. Ingrid Brakelmann sagt

    Alles sehr originell! Wundert Euch nicht, wenn ich mal bei Euch klingele, um mir alles unmittelbar anzugucken.

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