Zu Besuch bei …
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Zu Besuch bei: Nina und Volker

Scheune innen

Ping-Pong zwischen Form und Funktion

Neulich in der Matsche: Eine Baustelle im Regen ist ein ziemlich trostloser Anblick. Es pladdert und tropft in sandige Gruben, auf graue Schutthaufen und in den Nacken auch noch. Um so märchenhafter und einladender erscheint einem das Haus von Nina und Volker.

Obwohl „Haus“ das Objekt nicht richtig beschreibt, denn es handelt sich um eine alte Scheune, die nach endloser Planungsphase innerhalb weniger Monate in ein wunderschönes Zuhause verwandelt wurde. „Verwandelt“ trifft jedoch den Nagel auf den Kopf, denn eigentlich stehen von der alten Scheune nur noch die Wände aus alten, handgebrannten Tonziegeln. Was Nina und Volker in diese Hülle reingebaut haben, grenzt wirklich an Zauberei.

Back to the Roots

Auch die Geschichte des Hauses hat irgendwie was Magisches, damit fang ich jetzt mal an. Aaaalso, vor langer langer Zeit lebte in Bochum in einem weißen Haus mit einer wunderschönen weißen Holzveranda die Familie Oberheitmann. Wechselvolle Schicksalswirrungen wollten es, dass die Scholle irgendwann verkauft wurde und ins Eigentum der Stadt Bochum überging. Die Nachfahren der ursprünglichen Besitzer indes waren darüber tieftraurig und fuhren jahrzehntelang mit wehmütigen Gefühlen an der schönen Villa vorbei.

Klavier

Bis, ja bis eines Tages durchsickerte, dass das Haupthaus samt Nebengebäuden und riesigem Gartengrundstück zu verkaufen war. Aufregung! Freude! Und: Schreck lass nach! Wer soll das bezahlen? Die Familie überlegte hin und her und wieder zurück, bis sich langsam die Idee formte, daraus eine Gemeinschaftsaktion zu machen, ein Wohnprojekt, so richtig mit vielen Leuten und mehreren Generationen.
Und das kam dabei raus: 13 Erwachsene (wenn ich mich nicht verzählt habe) und 12 Kinder wohnen auf dem Gelände, wenn alles fertig ist (was wohl noch etwas dauert). Aber das Haupthaus ist schon bezogen, drei Einfamilienhäuser sind im Entstehen, und – darum geht’s jetzt hier – gerade fertig geworden ist eben diese schöne Scheune, die hinten dran gebaut und von der Straße aus nicht zu sehen ist.
Wer schonmal in Rom im Forum Romanum war, kann sich ungefähr vorstellen, in welchem Zustand der Bau war: eine Ruine halt. Was die Fantasie von Nina und Volker ungeheuer beflügelte! Denn schließlich hatte das auch Vorteile, die beiden mussten sich an nichts als den Außenmauern orientieren. Einziger weiterer Anhaltspunkt waren die ursprünglichen Fenster- und Türöffnungen, die sollten unbedingt erhalten bleiben, von wegen Authentizität und so.

Flur und Treppenhaus

„Alles soll total offen sein“

Wichtig war dem Paar, dass der Innenraum so offen wie möglich daherkommt. Also wurden zwei Etagen eingezogen, in der Mitte aber quasi eine riesige Lücke gelassen. So kann man jetzt von unten bis hoch in den Giebel gucken oder von den oberen Emporen runter ins weitläufige Erdgeschoss.

Gäste-WC

Doch langsam, wir arbeiten uns gemeinsam von unten nach oben vor. Beim Reinkommen bleibt der Blick direkt auf dem Boden kleben: Florales grau-weißes Muster auf quadratischen Zementfliesen produziert in Sekundenschnelle Urlaubsgefühl, trotz Dauerregen draußen vor der Tür. Ich spinxe ins Gästeklo und sehe ein Steinwaschbecken (sooo schön) auf einem dicken Holzbrett. „Das Holz ist von einer Linde, die bei dem großen Pfingststurm im letzten Jahr auf dem Grundstück umgefallen ist“, erzählt Volker (was für eine schöne Geschichte für die Enkel!). Um die Ecke zeigt sich dann die ganz Pracht des Hauses, wow! Ein riesiger Raum, der aus mindestens dreien besteht: Küche, Esszimmer, Wohnbereich. Mit jeder Menge Luft nach oben, was ihn noch großzügiger macht. Ein ähnliches Raumgefühl kenne ich sonst nur aus Museen oder Kirchen, wo man erstmal stehen bleibt und guckt und guckt und guckt und dann peu à peu die Details entdeckt.

Küche

„Kein Keller, kein Ballast“

Mein passioniertes Feierabendköchinnen-Auge findet erstmal in der Küchenecke Halt. Auch hier wieder so ein toller Fliesenboden und beneidenswert viele Schränke (seufz). Apropos Stauraum: Das Haus hat keinen Keller! Im ersten Moment dachte ich „achgottachgott, wohin denn dann mit all dem Kram“, aber im nächsten fand ich es eigentlich eine schöne Vorstellung, dazu gezwungen zu sein, nur das Wesentliche aufzubewahren. Kein Keller, kein Ballast, genau! Statt eines Kellers hat die Scheune verschiedene Lager- bzw. Hauswirtschaftsräume, die geschickterweise alle vor den Anbauwänden liegen, so dass kein Tageslicht verloren geht. In dem ganzen Bau wurde übrigens nichts dem Zufall überlassen, alles ist total durchdacht. Respekt!

Und was ich im Flur schon ahnte, wird hier Gewissheit: Volker ist ein Licht- und Schalterfreak mit einem gewissen Hang zum Perfektionismus.
Die Küche ist zwar funktional, aber auch ein bisschen landhausstilmäßig. „Wir wollten nicht so dieses Supercleane, so passt’s doch besser zum Haus“, sagt Nina. Und Volker zeigt, wo noch eine Hochtheke mit Barhockern davor hinkommt und wie das beleuchtet wird. Von der Größe und Ausstattung her reicht die Küche jedenfalls für eine Großfamilie, ebenso wie der lange Esstisch. „Ja, das ist das Schöne an dem Wohnprojekt, da sitzen plötzlich auch mal 10 Leute am Abendbrottisch.“ Die riesige Tischplatte hat Volker roh gekauft und dann in seiner Werkstatt behandelt, und auch das Gestell mit den Rollen darunter ist feinstes Vivamo-Design (hier geht’s übrigens zum Bericht über Volkers Firma Vivamo). Das mit den Rollen finde ich extrem praktisch, so kann man bei Bedarf den Tisch durch die Bude schieben, denn heben kann den nicht mal Herkules höchstpersönlich.

Essbereich

Plausch am Esstisch

„Auf einmal sitzt man zu zehnt am Tisch“

So, da sitzen wir also in gemütlicher Runde an dem schönen Tisch und quatschen über das Haus. Wie ich Volker kenne, hatte er doch bestimmt klare gestalterische Maximen, oder? „Der rote Faden ist die Mischung aus alt und neu, aus clean und Naturmaterialien, aus dezent und farbig.“ Die Wände sind zum Beispiel fast alle weiß gestrichen, aber als Farbakzente gibt es eine gelbe und eine lindgrüne Wand. Nina zeigt nach oben, wo über dem Raum so eine Art quer abgeschnittener Kubus schwebt, der dottergelb gestrichen ist und an dem das alte Boom-Store-Logo hängt, das im Minutentakt seine Farbe wechselt. Der Blick nach oben ist sowieso sensationell, bis hoch in den Giebel ist alles über mehrere Emporen verteilt offen. „Genau so wollten wir es“, erzählt Nina, die übrigens eine von zwei Fräulein Coffeas ist und gemeinsam mit ihrer Schwester Katrin ein zauberhafte, kleines Café betreibt.

Blick durch das Scheunentor in den "Garten"

Offenheit ist den beiden wichtig, das sieht man überall. Das frühere Scheunentor, das ja auch schon riesig war, war ihnen noch nicht groß und offen genug, also wurde ein gläserner Vorbau drangezimmert. Mit den absolut verliebenswerten Bodenfliesen (anthrazitfarbene Zementfliesen mit floralem Muster in Weiß, Hellgrün und Türkis – eine wunderschöne Kombi, finde ich) fühlt man sich wie in so einer mediterranen Orangerie. Besonders im Winter bestimmt ganz toll!

Medienzimmer

Bevor ich so richtig ins Schwelgen gerate, führt Volker mich rüber ins „Medienzimmer“. „Wir haben hier einiges an Technikschnickschnack drin“, freut sich der Hausherr, und ein glückliches Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, als er auf eine riesige Steckdosengalerie zeigt, die man so nur aus Clubs kennt. Das komplette Haus ist – naturellement – audio- und lanverkabelt, im Medienraum sorgen Deckenlautsprecher mit 7.1 THX-Soundsystem für authentisches Kinofeeling. Und was gucken die beiden dann so? Im Moment sind sie auf dem Serien-Trip (Stichwort „Utopia“, eine Mischung aus Twin Peaks, No Country for old man und The Killing, die ich mir unbedingt mal ausleihen will), ansonsten „viel Fantasy-Zeug, aber auch klassisches Autorenkino“. „Guck mal hier“, strahlt Volker, „3-Phasen-Lichtschienen!“ Da kann man, klärt er mich (ich bin ja eher Generation Glühbirne) auf, soviele Lampen reinsetzen, wie man will und dann festlegen, auf welchen Schalter sie reagieren und so verschiedene Lichtsituationen schaffen, dimmbar selbstverständlich. Nina und Volker haben sogar im Gästeklo und im Hauswirtschaftsraum Deckenlautsprecher. Die totale Beschallung in jeder Lebenslage!

Volker Brunswick

„Kreativ dank Excel-Design“

Über eine lange Treppe (mit total praktischen Schubladen in den Stufen, für Mützen, Schals und diesen ganzen Kram), an den Wänden dutzende Erinnerungsfotos, geht’s hoch in die erste Etage. Auch hier wieder: alles offen und großzügig. Links eine Arbeitsecke mit Blick in den uralten Garten neben dem Haus, geradeaus öffnet sich eine Empore, die den Blick in alle Richtungen freigibt. Hier liegen auch die beiden Zimmer der Söhne Ennes und Noah. Und das Bad. Nina warnt mich vor: So dezent der Rest des Hauses ist, im Bad sei die Fantasie mit ihnen durchgegangen. Und in der Tat, ein herrlicher Farbflash! Das Muster ist übrigens am Computer entstanden. Mit Excel! Mir völlig neu, dass man dieses Programm auch kreativ nutzen kann 😉

Badezimmer

Um die Ecke ist das Schlafzimmer von Nina und Volker, das quasi hinter dem schrägen Quader liegt. Es strahlt Ruhe und Geborgenheit aus, wie sich das für ein Schlafzimmer gehört … und es hat ein kleines, wunderhübsches Bullaugenfenster, ein Spezialwunsch von Nina, das irgendwie sowas wie das I-Tüpfelchen in diesem Raum ist. Mal abgesehen von der Loggia davor, mit Blick ins Grüne. Muss herrlich sein, hier morgens den Tag zu begrüßen und ihn abends mit einem Absacker zu beschließen …

Nina Oberheitmann

Wolkenkuckucksheim

Denkt nicht, wir wären schon durchs ganze Haus durch, die oberste Ebene fehlt noch. Sie besteht aus 1. Ninas Rückzugs- und Bastelbereich und 2. so einer Art Wolkenkuckucksheim für die Kinder, wo sie spielen, schmollen oder übernachten können. Erreichbar über eine Wendeltreppe und eine Eisenleiter, sind die beiden Emporen durch einen Kriechgang unter der Abseite miteinander verbunden. Über allem schwebt ein Flaschenzug, um Sachen von unten hochzutransportieren.
Was für ein gelungenes Umbau-Projekt. Nix ist überkandidelt, aber auch nix langweilig, alles total durchdacht und vor allem rundum supersympathisch. Einen „Ping-Pong zwischen Form und Funktion“ nennt Volker das Konzept dahinter. Das Spiel mit Ecken, Kanten und Versprüngen hat den beiden sichtlich Spaß gemacht. Kostet das nicht alles ein Vermögen? Doch, neu bauen wäre wohl billiger gewesen. Aber ganz klar weniger reizvoll. Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ein Unisono-Ja der beiden. Seit sie hier wohnen, fällt das Arbeiten gehen ein bisschen schwerer. Nina grinst: „Ich glaub, wir halten’s hier ne Weile aus.“

oberste Empore

(Fast) Alle Fotos zu diesem Artikel hat Sven Neidig gemacht. Mehr Infos und den Kontakt zu ihm findet ihr hier.

Und selbst so? Habt ihr Lust, euer Zuhause hier zu zeigen? Oder kennt ihr jemanden, dessen Wohnung unbedingt mal vorgestellt werden sollte? Dann schickt doch eine Mail mit ein, zwei Fotos an bettina@living.ruhr, vielleicht wird ja ein Blogbeitrag raus?!

6 Kommentare

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  4. Melanie Wurm sagt

    Liebe Bettina,
    Danke vielmals für diesen magischen und inspirierenden Beitrag. Alles klingt nach einem Märchen, das du uns erzählst. Ich bin sehr von der Geschichte berührt! 🙂

    Ich will auch Nina und Volker gratulieren, weil sie ihre Ideen und Träume nicht aufgegeben haben. Ganz im Gegenteil, sie haben viel und lange gearbeitet, um ihre Wünsche in Erfüllung zu bringen und so ein wunderschönes Haus für ihre Kinder, Enkel und für sich selbst zu bauen.

    Ich kann mich nicht entscheiden, welches Zimmer von allen mein Lieblingszimmer ist. Vielleicht die Küche wegen des herrlichen Fliesenbodens. Andererseits gefällt mir das Esszimmer sehr, weil die Familie da zusammenkommt und den Raum belebt. Außerdem ist Holz für Nina und Volker ein wichtiges Baumaterial, nehme ich an, und Schlichtheit herrscht überall im Haus. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir unsere Wohnung renoviert und neu gestaltet. Dann haben wir auch auf Holz und Schlichtheit gesetzt, wobei wir uns für Holzboden von rudda.at entschieden haben und für beige-farben Wände und Möbel.

    Alles Liebe
    Melanie

    • Bettina sagt

      Liebe Melanie, vielen Dank für deinen netten Kommentar! Und du hast recht, letztendlich ist es ein ganzes Haus voller Lieblingszimmer 😉 …
      Herzliche Grüße, Bettina

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